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Schimmelreitertour 2010 - Kein Berg wurde ausgelassen
von Michael Kombächer
RSV Marburg richtete am vergangenen Sonntag die 21. Schimmelreitertour aus – RV Ober Mörlen gewinnt Hessen-Cup.
Es war noch dunkel am Georg-Gaßmann-Stadion in Marburg, da kamen schon die ersten Radsportler vorgefahren. Die fleißigen Helfer und Helferinnen des Austragenden Vereins RSV 1885/91 Marburg waren zu diesem Zeitpunkt noch mitten im Aufbau und den letzten Vorbereitungen für die bekannteste RTF Veranstaltung im Landkreis Marburg Biedenkopf, der 21. Auflage der Schimmelreitertour. Zugleich war der heimische Verein auch Ausrichter des Hessen-Cup Finales 2010. Dirk Lenz der Vorsitzende des RSV Marburg stellte in diesen Minuten nachdenklich die Frage "Lohnt sich der ganze Aufwand der wochenlangen immensen Vorbereitungen bis hin zu der Ausschilderung der fünf Strecken denn auch?". Die Antwort konnte nach nicht nur einer Stunde mit einem klaren "ja" beantwortet werden. Denn zu diesem Zeitpunkt hatten sich in der Hessen-Cup Wertung mehr Fahrer eingeschrieben als noch im letzten Jahr. Und auch das Wetter spielte mit. Nach den wechselnden Wetterverhältnissen der letzten Tage hatte der Wettergott für den Tag der Schimmelreitertour ein einsehen und bescherte den Radsportlern einen strahlend blauen Himmel mit angenehmen Temperaturen.
Um Punkt 7 Uhr gab Dirk Lenz den Start frei für die ersten Marathonfahrer. Eine Gruppe von über 50 Fahrern macht sich auf den weiten Weg. Einige von Ihnen werden für die 225 km lange anspruchsvolle Strecke mit seinen 2800 Höhenmetern über 8 Stunden im Sattel sitzen. Der Platz vor der Halle füllt sich langsam wieder, denn weitere Fahrer für die Marathonstrecke und Schimmelreitertour treffen ein. Mit 41, 75 und 112 Kilometern werden hier anspruchsvolle Strecken für RTF Fahrer angeboten. Bis um 11 Uhr vormittags sind das fast 400 Fahrer und Fahrerinnen. Das Ziel so viele Radbegeisterte wie im letzten Jahr für eine Teilnahme zu bewegen ist erreicht. Der jüngste Fahrer von ihnen ist Henri Langguth. Mit seinen 9 Jahren fährt er die 41 km Strecke und wird heute die benötigte Punktzahl auf seiner Wertungskarte erreichen um als Anerkennung eine Jahresauszeichnung des BDR am Ende der Saison zu bekommen. Das ausgefallenste Bike an diesem Tag haben Clemens und Gudrun Görtz aus Schöffengrund bei Wetzlar. Sie werden die 75er Tour mit einem Tandem zurück legen. Görtz erzählt mir das die beiden fast 2000 km im Jahr zusammen auf dem doppelsitzigen Rad verbringen.
Volksradfahren - Hier stand der Spaß im Vordergrund
In der Geschichte der Schimmelreitertour gab und gibt es auch diesesmal ein Volksradfahren. Die 28 km lange ausgeschilderte Strecke war auch für ungeübte zu bewältigen. Wie der Begriff "Volksradfahren" schon sagt, ging es bei dieser in Zukunft jährlich stattfindenden Veranstaltung im Rahmen der Schimmelreitertour nicht um ein Rennen gegen die Uhr, sondern eher die Geselligkeit und das Miteinander. "Beschaulich, gemütlich" oder "sportlich, flott" – das Tempo blieb jedem Teilnehmer selbst überlassen. Die Tour ging vom Georg-Gaßmann-Stadion über Radwege und verkehrsberuhigte Landstraßen nach Kehna. Der Spaß stand hier im Vordergrund und so nahm es sich auch nicht ein älteres Ehepaar (beide über 70) die Strecke in Angriff zu nehmen. Als sie in Kehna ankamen waren sie begeistert: "Die letzten paar Kilometer ging es zwar bergauf, aber geschoben haben wir nicht." Als Anerkennung gab es am Zielort in Marburg eine Medaille.
Hier hilft man sich gegenseitig
Da auch die Schimmelreitertour mich in ihren Bann gezogen hat, beschloss ich für den heutigen Tag mich aufs Rad zu schwingen um selber in die Pedale zu treten auf der 75er Tour. Bei der Anmeldung gibt es eine gelbe Karte zum abstempeln an den Kontrollstellen, nur wer sämtliche Stempel hat bekommt die Wertungspunkte. Den Startstempel gibt es von Rudi Fichtner am Stadiontor. Er kontrolliert mein Fahrrad auf Verkehrssicherheit, ob die Rückennummer Ordnungsgemäß angebracht ist und natürlich darf der Schutzhelm nicht fehlen. Während ich meine Karte in die Rückentasche stecke gesellt sich Klaus Luczak hinzu. Er ist einer von 10 Kontrollfahrern vom BDR die heute nicht nur die einzelnen Strecken unter die Lupe nehmen sondern auch ein Auge auf die Fahrer werfen. "Wenn jemand zum Beispiel bei rot über die Ampel fährt, werden seine eradelten Punkte vom heutigen Tag gestrichen" erklärt mir Luczak mit strengem Blick. Am Ende der Veranstaltung wird er nach einem vom BDR erstellten Benotungssystem eine Gesamtbewertung erstellen. Da es bei mir nichts zu beanstanden gibt mache ich mich langsam los, schließlich liegen noch etliche Kilometer und Berge vor mir. Für die ersten Kilometer habe ich mir noch sicherheitshalber eine Jacke übergezogen. Am ersten Kontrollpunkt in Rossdorf (bei km 20) angekommen fülle ich nicht nur meinen Kraftspeicher mit Riegeln und Obst auf sondern nehme das Angebot wahr und gebe dort den unnötigen Ballast in Form meiner Jacke ab. Im Zielbereich so erklärt man mir könne ich wieder das gute Stück in Empfang nehmen. Noch ein letzter Schluck aus der Getränkeflasche und weiter geht’s. Kurz vor Wermertshausen fängt das Hinterrad an zu hoppeln. Ich halte an und mein erster Blick auf den Reifen lässt nichts gutes vermuten: Platt gefahren. Den Ersatzschlauch habe ich in der ganzen Eile natürlich vergessen. Die Nummer vom Streckenservice steht auf der Wertungskarte. Aber die brauche ich gar nicht zu wählen. Eine Gruppe von drei Fahrern hält an, ebenfalls Teilnehmer der Schimmelreitertour und Helfen mir aus der Patsche. Das man sich gegenseitig hilft und den anderen nicht einfach so stehen lässt ist unter den RTF Fahrern eine Selbstverständlichkeit erklärt man mir. Am letzten Kontrollpunkt in Nordeck gibt es den letzten heiß ersehnten Stempel bevor es wieder zurück nach Marburg geht. Meine Erleichterung es bald geschafft zu haben schwindet bald. Zwischen Allendorf und Ilschhausen wird der Berg immer steiler und unbezwingbarer. Ich quäle mich mit meinen letzen Kraftreserven den Berg hoch, ans absteigen verschwende ich keine Sekunde, nicht 20 km vor dem Ziel! Oben angekommen bekomme ich den Lohn der Mühe: Ein herrliches Panorama über den Ebsdorfergrund bis hin nach Biedenkopf. Im Ziel am Georg-Gaßmann-Stadion angekommen duftet es nach Würstchen und anderen deftigen Speisen. Meine erste Schimmelreitertour habe ich geschafft, anstrengend war’s aber es hat auch Spaß gemacht.
Fast schon im Minutentakt kommen die Radfahrer einzeln oder auch in Gruppen von ihren langen Touren zurück. „Ein Schild wo die Strecke sich teilt hat gefehlt“, berichtet einer der Fahrer kritisch. Peter Tufar der im Start und Ziel Bereich für die Organisation verantwortlich ist kann das Problem schnell klären. "Da muss wohl jemand das Schild abgehängt haben, das hatten wir im letzten Jahr auch schon öfter gehabt." Die Strecken werden nach dem Ausschildern am Tag der Veranstaltung sicherheitshalber noch mal abgefahren, aber es passiert immer wieder das einzelne Schilder umgedreht oder gar abgehängt werden. Hier ist der Veranstalter auf die Hilfe der Radfahrer angewiesen um schnell reagieren zu können. Der mobile Streckenposten kann schnell das Problem lösen.
Das Überreichen der Siegerpokale für die Schimmelreitertour fand in geselliger Runde am späten Nachmittag statt. Die drei Vereine welche die meisten Fahrer auf die Reise geschickt haben werden mit einem Pokal geehrt. Am heutigen Tag waren das wie auch im letzten Jahr die Fahrer und Fahrerinnen des heimischen Vereins RSV Dynamo Bortshausen. Der zweite Platz ging an den RVG Hungen und der dritte an den RSC Grünberg. Insgesamt haben über 20 Vereine an der Schimmelreitertour Teilgenommen.
Auch die Marathon Fahrer kamen jetzt nacheinander ins Ziel. Bereits zum zweiten mal in Folge fand das Hessen-Cup Finale in Marburg statt. Für die Fahrer mit fünf Hessen-Cup Teilnahmen wartete im Ziel denn auch ein ganz besonderes Geschenk: Ein Auszeichnungs-Trikot mit Hessen-Cup Logo. Rolf Feldmann vom
Hessischen Radfahrer Verband übergab denn auch den heiß begehrten Wanderpokal an die Teilnehmerstärkste Vereins Mannschaft des RV Ober-Mörlen. "Der Pokal bekommt einen Logenplatz bei uns im Vereinsheim in Ober-Mörlen", erzählt Dieter Pauly vom Siegreichen Verein. "Wir hatten den Pokal vor zwei Jahren gewonnen und in diesem Jahr haben wir ihn wieder zurück erobert", berichtet Pauly voller Stolz. Insgesamt 28 Starts mit 6 Fahrern verbuchten die Ober-Mörler an den sieben Veranstaltungen (Treysa, Oppershofen, Hattersheim, Gambach, Grünberg, Langenselbold und Marburg) des Hessen-Cup. Das macht in der Endabrechnung 28 Punkte und der Goldpokal ist wieder zurück in Ober-Mörlen.
Die Radfahrer waren wieder einmal voll des Lobes über die Veranstaltung mit einer sehr verkehrsarmen und fast ohne Ampeln geführten Wegstrecke, der tadellosen Ausschilderung und der Betreuung. "Ihr habt ja kein Berg ausgelassen" meinte ein von den Strapazen gezeichneter Fahrer aus Kassel. Als denn die Sonne in Marburg wieder untergeht sind die Helfer des RSV Marburg noch mit dem Abbauen und Aufräumen am Georg-Gaßmann-Stadion beschäftigt. Die Fahrzeuge von den vier Kontrollstellen kommen wieder zurück. Die Kartons werden ausgeladen und von der Verpflegung ist noch einiges übrig geblieben. Schnell ist man sich einig was mit den übrig gebliebenen vier Kisten Bananen und Keksen geschehen soll. Wie im letzten Jahr wird das überschüssige Essen der Marburger Tafel gespendet. Zum Abschluss stoßen noch mal alle Zusammen nach einem erfolgreichen Tag an. "Haben sich die ganzen Anstrengungen und Strapazen der letzten Wochen doch noch gelohnt", erzählt Dirk Lenz mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Und alle fahren geschafft aber zufrieden wieder in der Dunkelheit nach Hause.



